Sister Cities News
5th Report by Laura Vibrans
Es wird Frühling in Nashville. Die Temperaturen sinken stetig und man kann sogar schon wieder Vogelgezwitscher vernehmen. Es wird aber auch wirklich Zeit, denn langsam werden die Menschen hier ungeduldig. Zuerst sehr erfreut über den hier seltenen Schnee, haben sie mittlerweile aber genug davon und wünschen sich ihre gewohnten, warmen Temperaturen zurück.
Ich selbst habe den Winter als nicht ganz so kalt empfunden. Da ist man in Deutschland einfach Anderes gewohnt. So ging es mir auch in Chicago, denn ich erwartete die unvorstellbar schreckliche Kälte, nachdem mir überall von den unerträglich kalten Wintertemperaturen der „windy city“ berichtet wurde und alle Menschen, denen ich von meinem Trip nach Chicago im Februar erzählte, nur die Hände über dem Kopf zusammenschlugen und mich für verrückt erklärten.
Meine Erwartungen wurden allerdings nicht erfüllt. Es war zwar kalt, aber meine Schwester, die mich begleitete und somit den direkten Temperaturvergleich zu Deutschland hatte, empfand es regelrecht als „warm“. Wir hatten eine wunderschöne Zeit. Die Stadt Chicago hat uns beiden sehr gut gefallen.
Glücklicherweise waren sämtliche Kunstmuseen, aufgrund der im Winter nicht vorhandenen Touristen, kostenlos.
Besonders beeindruckend war der Blick vom sogenannten Willis Tower, dem höchsten Gebäude der USA, von dem aus man auf die ganze Stadt blicken konnte. Außerdem waren wir im legendären Chicago Theatre und auch der sogenannte Millenium Park im Zentrum der Stadt hat uns sehr gut gefallen, obwohl dieser im Sommer sicherlich um einiges schöner anzusehen ist.
Viel Arbeit bestimmte den Rest des Monats. Bei Preston Taylor Ministries widme ich mich in nächster Zeit ganz besonders einem unserer Kinder. Seine extremen Verhaltensauffälligkeiten und Behinderungen sind wahrscheinlich auf den Alkohol- und Drogenkonsum der Mutter während der Schwangerschaft zurückzuführen. Ich beschäftige mich jetzt also viel mit dem sogenannten „Fetal Alcohol Syndrome“ und erkenne leider bei sehr vielen unserer Kinder Merkmale und Auffälligkeiten, die sicherlich auf den Alkoholmissbrauch der Mütter zurückzuführen sind.
Außerdem haben wir jetzt ein neues Freitagsprogramm. Die Kinder können zwischen verschiedenen Angeboten, wie Gitarrenunterricht, Rappen, Tanz, Basteln, Schlagzeug usw. wählen und werden dann 4 Wochen lang von freiwilligen Künstlern aus Nashville unterrichtet. Am Ende der 4 Wochen gibt es dann ein kleines Konzert und danach können die Fächer gewechselt werden und es gibt wieder 4 Wochen lang Unterricht.
Es macht sehr viel Spaß, die Kinder dabei zu beobachten und man wird direkt neidisch, was das unheimliche Talent für Rhythmen und Körperbewegungen der Kinder angeht. Sie verhalten sich plötzlich sehr konzentriert und entdecken ihre vielen Begabungen. Diese Erfolgserlebnisse, die im Schulalltag eher selten vorkommen, tun allen sehr gut.
Ein Gespräch mit eines unserer Mädchen hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Sie hatte das Handy unserer Chefin geklaut und sollte nun als Strafe nach jedem Tag beim Putzen der Toiletten helfen. Dabei sollte ich sie quasi kontrollieren. Wir hatten also eine Unterhaltung über das Thema Bestrafung von Kindern und sie konnte es nicht verstehen, warum ich meine Kinder nicht als Bestrafung schlagen würde. Ich habe dann also versucht ihr zu erklären, dass ich das nicht für richtig halte und, dass es da auch andere Wege gibt.
Es hat mich extrem traurig und auch irgendwie verzweifelt gemacht, dass Gewalt in diesen Familien so selbstverständlich und unumgänglich zu sein scheint und, dass dieses Mädchen das auch niemals hinterfragen oder kritisieren würde. Sie entgegnete immer nur mit: „Aber du bist doch die Mutter. Da muss man das doch machen. Mütter dürfen das doch.“ Auf die Frage, wie sie denn ihre eigenen Kinder bestrafen würde, antwortete sie: „Ich würd ihnen erst Essig in den Mund schütten und dann auch schlagen. Denn nur so versehen sie ja, dass sie nicht klauen dürfen.“ Die ganze Unterhaltung verschlug mir die Sprache und ich versuchte dann noch mit den verschiedensten Beispielen ihr zu zeigen, dass es so etwas wie Menschenwürde gibt und auch Respekt. Aber verstanden, hat sie es nicht.
Man kann nur Hoffen, dass dieser Kreis irgendwann einmal durchbrochen werden kann. Und, dass sich plötzlich andere Sichtweisen und Perspektiven auf die Dinge auftun.
Ein anderes, tragisches Ereignis gab es in dieser Woche für uns Bei Preston Taylor Ministries. Der Vater zweier unserer Jungs wurde leider von Polizisten angeschossen, nachdem er bei einem Drogendeal erwischt, selbst erst auf die Polizisten geschossen hatte. Die Kinder befanden sich während des Ereignisses im selben Haus. Es ist unglaublich schrecklich und unfassbar unreal, dass so etwas hier passiert und ich möchte mir gar nicht erst ausmalen, was das mit den Kindern macht. Ich habe sie seit dem Vorfall nicht wieder gesehen aber ich denke, dass uns eine sehr schwere und intensive Zeit mit ihnen bevorsteht.
Ich merke immer wieder, dass meine Zeit sich hier langsam dem Ende zuwendet. Auch die Kinder wissen das und da kommt es schon vor, dass sie mir Vorwürfe machen, weil ich ja wieder gehe. Es tut mir dann immer sehr leid, weil ich weiß, wie sehr sich diese Kinder nach Beständigkeit sehnen, weil sie genau das nicht zu Hause erleben. Und sie mussten sich vor mir schon von mehreren Praktikanten aus Deutschland verabschieden. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schrecklich das für sie sein muss. Auch für mich ist es schwer. Schließlich habe ich die Kinder jeden Tag gesehen und es haben sich Freundschaften und einfach viele Vertrauensverhältnisse gebildet.
Und dann gibt es im nächsten Jahr wieder eine neue Person und man muss wieder beginnen, die Person kennenzulernen und eine Beziehung aufzubauen. Es tut mir leid, die Kinder so zu enttäuschen. Aber ich habe die Hoffnung, dass sie eines Tages verstehen, was für außergewöhnliche Möglichkeiten und Freundschaften, sie durch Preston Taylor Ministries genießen konnten.
Eine sehr typische Nashville-Erfahrung hatte ich neulich auf einem Country-Konzert in der „Grand Ole Opry“. Es handelt sich um eine sehr berühmte Radiosendung, die hier in Nashville produziert wird. Es werden Livekonzerte aufgenommen und dann im Radio ausgestrahlt. Es hat mich sehr beeindruckt, wie viele Menschen sich hier für diese Musik begeistern können. Die Halle tobte und die Stimmung war unglaublich. Es war eine interessante Erfahrung, obwohl ich mich trotzdem nicht so ganz für diese Musik begeistern kann.
Am nächsten Wochenende fahr ich mit meiner Gastfamilie nach Missouri, um dort den 100.Geburtstag der Urgroßmutter meiner Gastmutter zu feiern. Danach geht es dann nach Boston, worauf ich mich schon ganz besonders freue.
Liebe Frühlingsgrüße ans Nashville!
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Published:
March 10, 2010
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