Lea Grupe in Nashville
Lea Grupe beginnt Ende August 2008 ihr Soziales Jahr in Nashville im "Preston Taylor Ministries (PTM)"
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Liebe Nashville- und Amerikaliebhaber, (04.11.2008)
ich melde mich mal wieder zurück aus der schönen Musiccity. Inzwischen habe ich einen wirklich angenehmen Alltag bei meiner Arbeit gefunden. Ich darf inzwischen auch unterrichten und die Kinder sind es gewohnt mich um sich zu haben. Letztes Wochenende war ich (den Donnerstag und Freitag eingeschlossen) in Davidson, in North Carolina, und ich wurde fast vorwurfsvoll, aber auch voller Überschwang von meinen Kids zurückbegrüßt, "wo ich denn bitte gewesen sei?!". Ich mache vor allem auch viele persönliche Erfahrungen mit den Teilnehmern des Afterschoolprograms in den letzten Wochen. Viele davon sind absolut ernüchternd und man braucht etwas Abstand um damit umgehen zu können. Manche Kids wurden im Kleinkindalter im Schrank eingesperrt, wenn ihre Mutter auf Crack war und abends ausgegangen ist. Einige haben nichts zu Essen im Kühlschrank (wir geben bestimmten Kids, bei denen man so etwas weiß, am Ende des Tages oft einfach zuzubereitende Mahlzeiten und Snacks mit). Es kommt auch ab und an vor, dass ein Kind unter Drogen bei Preston Taylor erscheint, weil die älteren Geschwister es lustig finden, sie an Joints oder einer Bong ziehen zu lassen... Ich kenne jetzt einige Hintergründe meiner "Schützlinge" und man wird so viel geduldiger, wenn man weiß was sie alles durchgemacht haben. Ich habe eine Weile gebraucht um das alles für mich zu verarbeiten, es gibt auch schlimmere Geschichten mit sexuellem Missbrauch und wenn man die Kinder dazu kennt und ihre Lebensfreude, kann es einem sehr nah gehen. Sie versuchen zum Teil bei mir und anderen Mitarbeiter die Liebe und Aufmerksamkeit zu finden, die sie zu Hause nicht bekommen können, schon allein weil die Eltern so beschäftigt sind, mit ihrer Arbeit und den -in der Regel- vielen Geschwistern. Man kann so viel von den Kindern lernen und ich wachse definitiv an dieser Arbeit. Ich berichte dies, nicht um zu deprimieren, sondern die Realität zu beschreiben, die selbst viele wohlhabende Amerikaner oft nicht kennen, bzw. bewusst verdrängen.
Trotz allem ist meine Grundstimmung hier sehr positiv, man kann so viel erfahren und kennenlernen! Dieses Wochenende war Halloween. Es ist unglaublich, wie viel Aufwand dafür betrieben wird. Viele Häuser waren extrem aufwändig dekoriert. Am Freitagabend selbst, war die ganze Stadt auf den Straßen zu sehen. Die Kinder liefen von Haus zu Haus beim "trick and treat", wie man es kennt, um Süßigkeiten aller Art zu bekommen. Die Kostüme waren ausgefallen, einfallsreich und farbenfroh. Viele Verkleidungen, besonders der kleineren Kinder, hatten gar nichts mit Halloween oder etwas gruseligem zu tun. Eigentlich hat alles sehr an Karneval erinnert. =) Es gab allerdings auch wirklich beängstigende Situationen, wie einen riesigen Geistermann, der in den- für dieses Fest berühmten- Straßen in der Nähe von West End (einer der Hauptsraßen) herumgeisterte und 3mal so groß war wie ein normaler Mensch. Außerdem habe ich das erste Mal in meinem Leben Kürbisse ausgehöhlt und meine Gesichter, sind meiner Meinung nach, auch halbwegs geglückt.
Letztes Wochenende habe ich mit meinen Gasteltern und meiner jüngsten Gastschwester Mary in Davidson, einem College in North Carolina, verbracht. Meine Gasteltern Burkley und Newton haben dort studiert, genauso wie meine älteste Gastschwester Sarah. Da Mary nun auch überlegt dort hinzugehen, haben wir dort einen "offiziellen" Besuch abgestattet, was hier die Highschoolabgänger in der Regel bei ihren favorisierten Unis machen. Ich habe dort auch Christoph Pross getroffen (den Zivildienstleistenden von vor 3 Jahren) und durch Zufall noch einen anderen Magdeburger. Die Welt ist so klein, das erfährt man hier immer wieder. Es war ein einmaliges Erlebnis, das Collegelife so hautnah mitzukriegen. Ich habe an drei verschiedenen Vorlesungen teilgenommen, abends im Apartment einer älteren Studentin, "MJ" aus Equador, einen Film gesehen... wir haben Brot gebacken und haben dann das collegetypische Programm gemacht: wir waren auf einer Party. Am nächsten Morgen haben Mary und ich an einer offiziellen Rundführung über den Campus teilgenommen und danach das "international festival" besucht. Sarah kam mit ihrem Freund aus Washigton D.C. zu Besuch und so gab es ein Wiedersehen der fast ganzen Familie. Wir waren alle zusammen feierlich Essen in der kleinen, schönen Stadt, die den Unicampus einrahmt. Daraufhin sah unser gemeinsames Abendprogramm einen Theaterbesuch vor, gespielt von den Studenten dort. Es war sehr professionell und mitreißend. Übernachtet habe ich bei einem "freshman", d.h. einer Studentin im ersten Jahr (aus Nigeria), in einem der großen Schlafhäuser. Der Ausflug war absolut spannend und man bekommt sehr viel Lust auf das "sorglose" Studentenleben, egal ob in den Staaten oder Deutschland...
Ich hatte auch inzwischen meinen Geburtstag hier. Nun bin ich 18, und habe kaum mehr Rechte in diesem Land, als vorher =). Es war eine wunderschöne Feier und meine Gastfamilie hat sich rührend um mich gekümmert. Wir hatten ein wundervolles Abendessen im voraus, da sie an meinem eigentlichen Geburtstag selbst nicht da sein konnten. Ich konnte mir den Tag trotzdem schön gestalten und habe mit meinen Kids und 75 selbstgebackenen Cupcakes gefeiert, sowie später mit ein paar Freunden, die ich durch PTM kennengelernt habe. Verbindungen und Freundschaften ergeben sich so schnell und unkompliziert, denn die Menschen hier sind sehr, sehr gastfreundlich und offen. Man kann dieses Land schlecht mit der deutschen Kultur vergleichen. Viele Amerikaner würden wahrscheinlich sagen, Deutsche sind grob und unfreundlich und viel zu direkt, während unsere Haltung wäre, wir sind ehrlicher und im Gegenzug wirken Amis unter ihrer Höflichkeitsschicht eher oberflächlich. Allerdings sollte man das vielleicht nicht zu sehr verallgemeinern, auch wenn an beiden Haltungen gewiss etwas dran ist. Ich habe auch sehr gegenteilige Erfahrungen gemacht und ein Amerikaner entspricht keinesfalls unbedingt dem Klischee, keine tiefempfundenen und emotionalen Freundschaften zu ermöglichen!
Diesen Monat fand auch das Oktoberfest statt, welches allerdings mehr einer Mischung aus Karneval und dem stereotypischen Bild eines Deutschen entsprach. Das Bier nahm eine sehr geringe Stellung ein, während die Festlichkeit allerdings Anlaufpunkt einiger Deutscher, vor allem aber Deutschliebhaber und Deutschstämmiger war. Außerdem hat dieses Land ein paar eigene Einflüsse walten lassen, so wurde der gesamte Tag äußerst sportlich mit einem Wettlauf durch die ganze Stadt eingeleitet. Außerdem ist das Oktoberfest das größte Straßenfestival im Jahr und so wurden viele Kunstverkaufsstände und natürlich Essbuden entlang von "Germantown" aufgebaut. Diese beiden Dinge haben Massen an Nashvilles Einwohnern angezogen und auch das Wetter war perfekt. Es ist wirklich unglaublich wie viele Menschen man auf so einem Event kennenlernt und wie viel Deutsch man hört, schon im Alltag. Aber dieser Tag hat wohl für Jonas, Tim und mich alles getoppt. Auf jeden Fall kam die große Magdeburgflagge an unserem "sistercities-german-table" sehr gut zur Geltung und lockte sogar eine, vor langer Zeit emigrierte, Magdeburgerin an. Sie hatte Deutschland direkt nach dem zweiten Weltkrieg verlassen und es war unfassbar, dass sie die gleichen Straßennamen kannte wie wir und Erinnerungen von Ottersleben hatte... Das war eine sehr emotionale Begegnung. Wir hatten viel Spaß auf dem Fest und waren eine Besonderheit ohne Lederhosen und Dirndl und trotzdem als offensichtlich "echte" Deutsche.
Uns steht mit den Wahlen jetzt ein sehr aufregender Dienstag bevor -die Diskussionen laufen auf Hochtouren und ich hätte schon vor einem Monat kaum glauben können, dass sich das noch steigert! In meiner Gastfamilie kann ich das hautnah miterleben: mein Gastvater ist überzeugter Republikaner, während meine Gastmutter für Obama und Biden plädiert. Es ist sehr ungewohnt sich auch an die ganzen subjektiven Nachrichten sowie Familienhintergründe etc zu gewöhnen, die bei den Kandidaten zählen. Außerdem kommt bald Thanksgiving auf uns zu - ein weiterer unbekannter Feiertag. Meine ersten Monate hier verliefen wunderbar und mein Herz habe ich längst an die Kids und die Stadt verloren! Dieses Wochenende habe ich zusammen mit Jonas die Smokey Mountains besucht. Man könnte sie mit dem Harz vergleichen, allerdings besteht die Vegetation aus Laubwald. Die Bäume sind viel, viel höher, als in Deutschland. Lianen hängen herab, aber es ist sehr hell und licht, denn die Bäume sind nicht alt. Vor 60 oder 70 Jahren war das ganze Gebiet abgeholzt und so musste alles neu angepflanzt werden. Wir haben uns ein traumhaftes Wochenende für diesen Wandertrip ausgesucht. Es war sonnig, um die 20°C und die Blätter hatten alle erdenklichen Färbungen. Zusammen mit dem hellblauen Himmel und Fluss mit Wasserfällen an der Seite, war das ein unbeschreibliches Naturschauspiel. Bären haben wir (leider) keine gesehen, aber von den Warnschildern zu schließen, will man das auch nur von einer gewissen Distanz. Viele Besucher reiten durch dieses Gebiet und wir sind auch echten Cowboys begegnet, die uns mit einem rauen "Howdy" begrüßt haben, was man hier sonst eher im Scherz ab und an hört. Der Südakzent war in dieser ländlichen Gegend ehedem auffallend größer ausgeprägt - es gab Leute, die man deshalb wirklich nicht verstehen konnte!
Soweit kann ich bis jetzt berichten. Ich habe versucht die einprägsamsten Ereignisse festzuhalten. Ich freue mich auf weitere Nachrichten an meine Heimatstadt und das Internetportal und grüße besonders alle Magdeburger und Nashvillians!
Danke, dass mir das ermöglicht wurde!
Alles Liebe und einen schönen verbleibenden Herbst!
Lea









