Sister Cities News
5. Bericht von Christoph Franke
„Es schneit, es schneit, kommt alle aus dem Haus, Nashville, Nashville sieht wie gepudert aus“. Diese umgewandelte Form des Liedes, passt zurzeit wie der Schneeball aufs Auge. Kaum fielen in den letzten Tagen des Januars ein paar Flocken, schon wurde hier sprichwörtlich der Ausnahmezustand ausgerufen. In den Nachrichten gab es nur das eine Thema. Schulen und Geschäfte waren geschlossen, die Straßen leer gefegt. Es heißt, seit Jahren lag hier nicht mehr so viel Schnee und wir sprechen von ca. 10 cm der weißen Pracht. Auch der Februar erweist sich als sehr kalt und verschneit.
Aber eins nach dem anderen:
Wie im letzten Bericht bereits angekündigt, fuhr ich Anfang Januar mit meinen Gasteltern nach Athens, Georgia, um meine Gastschwester Maddie zu besuchen. Sie studiert dort an der „University of Georgia“. Auf dem Weg dorthin kamen wir an Atlanta, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Georgia, vorbei. Mir blieb zwar die City verwehrt, aber schon der Anblick von der Autobahn aus, zauberte mir ein breites Grinsen aufs Gesicht. Auf bis zu acht Spuren staute sich der Verkehr nach einem Unfall. Nach der turbulenten Hinfahrt gestaltete sich das Wochenende eher ruhig. Wir hatten durch die lange An- und Abreise leider nur den Samstag vor Ort. Den Vormittag verbrachten wir zunächst in riesigen Geschäften, um für Maddie ein paar Möbel zu kaufen. Später zeigte sie uns dann „ihre“ Uni. Das Campusgelände besteht aus beeindruckenden Gebäuden und einem riesigen Footballstadion. Kein Wunder, studieren hier auch mehr als 32.000 Studenten.
Auf unserem sonntäglichen Heimweg stoppten wir noch bei Kens Mutter, um auch ihr einen Besuch abzustatten. Sie ist 97 Jahre alt und an Alzheimer erkrankt. Es berührte mich sehr, sie zu sehen, da ich noch nie zuvor jemanden mit dieser schweren Krankheit begegnet bin.
Eine Woche später war es endlich soweit: Ich konnte meinen besten Freund aus Magdeburg in Nashville begrüßen. Nach langer Planung und viel Geduld, war es der blanke Wahnsinn, ihn am Flughafen einzusacken. Es war bewegend, wie ihn die neuen Eindrücke strahlen ließen. Angesteckt von seiner Euphorie, kehrte auch bei mir das anfängliche Bauchkribbeln zurück. Nach fast sieben Monaten hier wird eben vieles alltäglich. Unseren schon zuvor aufgestellten Wochenplan hielten wir ein. Ohne Zeit zu verlieren, zeigte ich ihm noch am selben Abend Nashville. Am nächsten Tag begleitete er mich ins Martha O` Bryan Center. Ich stellte ihm die Menschen vor, mit denen ich täglich zu tun habe und zeigte ihm jeden Teil meiner Arbeit. Dieses andere Leben in den „Projekts“ ließ selbst die größte Quasselstrippe für einen Moment verstummen.
Es gab so viele Highlights, die ich gar nicht alle aufzählen kann. Aber das Größte war mit Sicherheit unser zwei Tage-Trip nach Memphis. Wir gingen zu einem NBA Basketballspiel der Memphis Grizzlies. Besichtigten den Balkon, wo Martin Luther King Jr. erschossen wurde. Besuchten Graceland und die Sunstudios, wo Größen wie Elvis Presley und Jonny Cash einige ihrer großen Hits aufgenommen haben und fuhren zu den nahe gelegenen Bundesstaaten Arkansas und Mississippi, nur um da gewesen zu sein. Es war ein toller Ausflug. Mit seinem besten Freund ein fremdes Land zu erkunden, ist wahrscheinlich eines der aufregendsten Erlebnisse. Leider war sein Aufenthalt auf eine Woche begrenzt und so war der Abschied dann doch viel zu früh. Insgesamt war es aber für uns eine gelungene und prall gefüllte Woche.
Meine Arbeit im Martha O´ Bryan Center macht mir nach wie vor viel Freude. Durch die tägliche Arbeit in der Foodbank kenne ich mittlerweile viele Menschen aus der Nachbarschaft. Einer von ihnen ist „Riki“. Er nennt sich selbst „Cookie Man“ weil, wann immer er zu uns kommt, nichts anderes als Kekse möchte. Es macht enorm viel Spaß, sich mit ihm oder den anderen Leuten zu unterhalten. Sie haben eine komplett andere Mentalität und ein Leben, das mit unserem in Deutschland nicht vergleichbar ist. Ansonsten war der Februar ein eher ruhiger und kalter Monat, weshalb wahrscheinlich der Ansturm auf die Foodbank ausblieb. Wöchentlich liefert „Second Harvest“ Lebensmittel, die leider verfallen, weil kaum noch Leute eine Box abholen. Ich hoffe auf mehr Zulauf in den kommenden Monaten. Durch den ungewöhnlich weißen Winter sind die Schulen in den letzten Wochen mehrmals geschlossen gewesen, was nicht nur den Kids Entspannung brachte. Das „Youth Development“ war nur für drei Stunden geöffnet. Kein Nachhilfeunterricht, nur Spielen und Toben in der Turnhalle angesagt.
In weniger als drei Wochen werde ich mit einer Studentengemeinde der Vanderbilt Universität auf eine Missionsreise nach Guatemala gehen. Die Menschen dort leiden immer noch an den Folgen des 2005 wütenden Hurrikans Stan, der Verwüstung und Elend mit sich brachte. Die durch den Wirbelsturm entstandenen Schlammlawinen rissen mehr als 800 Menschen in den Tod. Wir wissen noch nicht genau, was uns vor Ort erwarten wird. Doch wir wissen, dass wir bei dem Bau eines Krankenhauses in Santiago Atitlan helfen werden. Ich sehe der Reise mit Spannung entgegen und hoffe, dass wir mit unserer Arbeit den Menschen ein wenig Hoffnung und Zuversicht zurückgeben können.
Für meine Reise brauchte ich noch zwei Impfungen, so dass ich auch nicht an einer medizinischen Versorgung drum herum kam. Die Krankenhäuser sind ebenso riesig, wie alles andere in Amerika, aber nach 7 Monaten, habe ich mich allmählich an diese Dimensionen gewöhnt.
Liebste Grüße an die Heimat
Christoph
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Veröffentlicht:
03. März 2010
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