Sister Cities News
4. Bericht von Jonas Tonn
Es wird Winter in Nashville und mal wieder Zeit für einen neuen Bericht.
Eines der weltweit größten Medienereignisse 2008 liegt nun schon fast vier Wochen hinter uns, die US-Amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Ein unbeschreiblicher Tag, der mit der Wahl des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten in die Geschichtsbücher eingehen wird, aber auch mir ein Leben lang in Erinnerung bleiben wird. Der Tag begann für mich nicht nur sehr erwartungsvoll, sondern vor allem auch sehr früh. Doug Berry holte mich nämlich schon um halb 7 ab, um mich mit zu den “Polls”, den Wahlen, zu nehmen. Ich rechnete mit ein paar müden Leuten, die ungeduldig auf ihren Wahlzettel warten. Doch ich konnte es kaum glauben als ich sah, dass die Warteschlange bis zu 20 m vor den Eingang reichte. Eine Euphorie die sich schon in den vorherigen Tagen angekündigt hatte, die ich jedoch so nicht erwartet hatte. Leute diskutierten trotz kalten Temperaturen und viel zu früher Uhrzeit in der Warteschlange und man merkte, dass sich alle Amerikaner auf diesen Tag hingesehnt hatten. Neben aller Vorfreude und Euphorie, war auch ein Nationalgefühl spürbar, dass ich so nicht kannte. Als ich fast vergaß, dass ich Deutscher bin wurde ich von einer Wahlhelferin darauf aufmerksam gemacht, indem sie mich leider nicht mit in die Wahlkabine ließ. Wenig später trafen wir dann auf Burkley Allen und Lea und wir fuhren zusammen mit Doug zu einer “ Election -Party” in einem Büro in Downtown. Es gab ein wundervolles Frühstücksbuffet und ohne Anzug viel man schell auf und kam mit Leuten ins Gespräch. Als mich Burkley wenig später darauf aufmerksam machte, dass ich mich gerade mit einem Congressman oder dem Bürgermeister von Nashville unterhalten hatte, war ich überrascht wie bodenständig und locker alle Politiker waren. Nach diesem tollen Einstieg in den “Election-Day” machte ich mich dann auf den Weg zur Arbeit. Und selbst hier war die Präsidentschaftswahl überall. Vor allem die schwarzen Mitarbeiter im Center waren unglaublich aufgeregt und jeder schien ein Barack Obama T-Shirt zu tragen. Selbst der Weg nach Hause war ein Erlebnis. Leute mit Obama Schildern standen am Straßenrand und Autos hupten ihnen zu. Als dann ziemlich schnell im Fernsehen die sehr klaren Wahlergebnisse verküdigt wurden, war die Freude nicht nur bei mir, aber auch bei den Großteil der Amerikaner unglaublich groß. Die Fernsehbilder aus Chicago sprachen für sich und selbst bis zu unserem Haus hörte man die Party aus Downtown Nashville. Ein Tag wie kein anderer, der mit wohl auch deswegen ein Leben lang in Erinnerung bleiben wird. Die Obama und McCain Schilder blieben noch eine Weile in den Gärten stehen, aber langsam kehrte auch wieder der Alltag ein.
Mein Alltag im Martha O’Bryan Center war vor allem von viel Arbeit in der “Food Bank” geprägt. Die Wirtschaftskrise macht sich bemerkbar und so gibt es jede Woche neue Kunden, die Essen brauchen. Oft sind es Mittelstandsfamilien, denen man es nicht zutrauen würde, die aber durch Jobverlust oder andere Probleme gezwungen sind diese Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das Dramatische dabei ist, dass der Lieferant der Food Bank kürzlich seine Lieferungen gekürzt hat und wir nun umso mehr auf private Spenden angewiesen sind. So hatten Tim und Ich die letzten Wochen viel zu tun und blickten einige Male in leere Regale. Ein Problem von solchem Ausmaß, dass ich letzte Woche sogar von einem lokalen Fernsehsender über die Situation befragt wurde. Die Arbeit mit den Kindern im “Afterschool-Programm” war jedoch umso entspannter. Ausflüge und kleinere Geburtstagsparties sorgten für eine gelungene Abwechslung und bereitete vor allem den Kinder viel Freude.
Glücklicherweise bin ich immer noch im Kontakt mit einer Dame aus Magdeburg, die ich auf den Oktoberfest kennenlernte. Ruth Smith ist 83 Jahre alt und kam 1949 in die USA. Nach einem Leben über das man sicher ein Buch schreiben könnte, landete sie schließlich in Nashville. Nur einmal kam sie nach Deutschland zurück und das nach der Wende im Jahre 1991. Unvorstellbar, dass ihr solch ein Riesenstück an deutscher Geschichte verloren ging. Sie sagte selber : ”I fell like an American, but in my heart I am German.” Ganz nach diesem Motto lud sie vor 2 Wochen mich und einige Senioren in ihre Kirche zu einem kleinen Vortrag über ihre Kindheit und Jugend während des 2WK in Magdeburg ein. Ich hatte die Möglichkeit über das moderne Magdeburg und Deutschland zu berichten. Vor allem genossen die Rentner und ich aber Ruth bei ihrem Vortrag über ihre unglaubliche Lebensgeschichte zuzuhören. Dieser kleine Vortrag dauerte schließlich fast 4 Stunden, die wie im Fluge vergingen, da auch die anderen Senioren ihre Situation während des 2WK schilderten. Wenn man bedenkt, dass in einigen Jahren nur noch wenige Zeitzeugen des 2WK leben werden, sollte man für solche Möglichkeiten immer dankbar sein. Das tat ich auch und kam beim Mittagsbuffet von Bratwurst mit Sauerkraut nochmals mit einigen Rentnern ins Gespräch. Ich denke alle hatten bei dieser Gesprächsrunde nicht nur viel Spaß, lernten aber vor allem unglaublich viel.
Neben der Arbeit im “Martha O’Bryan Center” war ich in den letzten Wochen auf verschiedenen Ausflügen in Tennessee. Vor 3 Wochen verbrachten Lea, Wade und ich 2 wunderschöne Tage in den Smoky Mountains. Eine Herbstlandschaft, die man wohl nur von Kalenderbildern kennt und perfektes Wetter ermöglichten uns einige tolle Wanderausflüge. Letzte Woche sah ich dann den größten Wasserfall im Osten der USA. Die “Fall Creek Falls”, 2 Autostunden östlich von Nashville. Da die Temperatur unter den Gefrierpunkt fiel und so ein Teil des Wasserfalls zugefroren war, war alles natürlich umso spektakulärer.

Diese Woche war es dann Zeit für Thanksgiving. Ein Feiertag, dessen Grund mir kaum ein Amerikaner erklären konnte, sie mir aber versichern konnten, dass sich alles ums Essen dreht. So war es dann auch, auch wenn mir der obligatorische Truthahn verwehrt blieb, weil das Thermometer im Ofen explodierte und wir plötzlich einen Quecksilber-Truthahn hatten. Doch meine Gastmutter versicherte mir, dass solche Pannen zum Thanksgiving dazugehören. Am Freitag fuhren wir dann meine Gastschwester in ihrem College in Athens/Georgia besuchen. Eine kleine Stadt, mit vielen Studenten und einem riesigen Football-Stadion. So besuchten wir bei strömenden Regen und einer unglaublichen Kulisse von 90,000 Zuschauern das College -Football Derby zwischen den “Georgia Bulldogs” und “Georgia Tech”. Nach fast vier Stunden gewann letztendlich das falsche Team, aber trotz allem ein aufregendes sehr amerikanisches Erlebnis. Am Freitag geht es dann für mich neun Tage nach New York City, um einen guten Freund zu besuchen. Gerade kurz vor Weihnachten verspricht es ein toller Trip zu werden und es wartet wohl ein ganz anderes Amerika auf mich, als ich es aus den Südstaaten gewohnt bin. Im nächsten Bericht dann mehr zu Weihnachten und meiner Reise nach New York.
Beste Grüsse in die Heimatstadt sendet
Euer Jonas
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Veröffentlicht:
01. Dezember 2008
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