Sister Cities News
3. Bericht von Lea Grupe
Es ist wieder soweit: ich melde mich mit weiteren Erlebnissen und Erfahrungen aus Nashville zurück, mitten in der schönen Advents -und Weihnachtszeit. Der letzte Monat verging für mich rasant und ich habe insbesondere diverse amerikanische Traditionen, vornehmlich in meiner Gastfamilie, miterleben dürfen. Doch vorerst gehe ich zurück zu den allgemeinen Geschehnissen seit meinem letzten Bericht:
Die allgemeine Aufregung um die Wahlen legte sich mit dem 4. November als Höhepunkt. Am Wahltag hatten alle Schulen frei, es gab zahlreiche Wahlfeiern und alles fieberte dem Abend mit der großen Entscheidung entgegen. Es war auch als Nichtwähler ein beeindruckender und spannender Tag. Morgens befand ich mich mit Jonas, Doug Berry, sowie Burkley Allen (meiner Gastmutter) auf einer Wahlfeier in der Innenstadt, welche sich als von hohen Politikern besucht herausstellte. Es war eine Gelegenheit Nashvilles Bürgermeister Karl Dean kennenzulernen und auch den Kongressabgeordneten Jim Cooper, der selber an dem Tag im Wahlkampf stand. Demokraten und Republikaner waren vermischt und die Atmosphäre war äußerst locker gehalten. Mit einem reichen Frühstück versehen, machten sich dann die meisten Gäste auf den Weg zur Arbeit, ich hatte für den Tag frei, da die Kinder nicht das Nachmittagsprogramm besuchten.
Dafür kam noch am Vormittag ein Anruf von Radio SAW auf meinem Handy: ein Interview um die Atmosphäre in den Staaten einzufangen. Es war sehr schön, meine Eindrücke mit der Heimat teilen zu können und tatsächlich den Platz eines “Botschafters” einzunehmen bzw. ein Bindeglied zwischen den Ländern darzustellen. Inzwischen hat die Aufregung der Amerikaner längst einer spannenden aber abwartenden Haltung Platz gemacht: Mal sehen wie sich der neue Präsident erweist nach der Übernahme des Amtes im neuen Jahr. Ohne Zweifel lässt sich aber die (welt-)historische Bedeutung dieses Ereignisses erkennen und ich kann meinen Kindern später stolz erzählen: “Als ich so alt war wie du, wurde der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten gewählt -und ich war dabei!”
Es gab auch viele weite Alltagsbegebenheiten, die ich nennenswert finde. Ich besuche seit einer Weile die verschiedensten Gemeinden (und somit Glaubensrichtungen) in Nashville. Die Auswahl ist mit über 700 Kirchen sehr groß und ich bekomme unzählige Einladungen an den verschiedensten Gottesdiensten und Gemeindearbeiten teilzunehmen, was nebenbei bemerkt keineswegs ungewöhnlich ist, hier, im “Bible-Belt”. Das weitaus auffallendste und für mich ungewöhnlichste Ereignis war ein Gottesdienst einer der größten von Schwarzen besuchten Kirche (“Newborn”): Zum einen war er unglaublich lang.
Die Musik war ergreifend, die Menschen standen, die Arme gehoben und weinten, die Gebete und Lobpreis spielten sich als sich unzählige Male wiederholende Sprechgesänge ab. Für mich war es ein wenig zu extrem, aber es hätte definitiv jeden berührt und es machte den Menschen nichts aus, wenn man sich nicht mit vollem Enthusiasmus in die Gospelgesänge stürzte oder in eine Art Trance verfiel, zuckend die Hände nach dem Erlöser ausgestreckt. Mir wurde erklärt, dass dies unter anderem so ist, weil den Afro-Amerikanern lange Zeit Kirchengemeinschaften und Gottesverehrung untersagt waren. Darum leben sie es nun umso freier aus. Die Geschichte dieses jungen Landes lässt sich an diversen ähnlichen Beispielen noch heute sehr klar erkennen und die Rassentrennung hat tiefe Spuren hinterlassen. Das Alles ist unglaublich interessant, wenn einem bewusst wird, wie alltägliche Begebenheiten hier auf die dunkle Vergangenheit der Sklaverei zurückweisen.
Das erinnert mich an die deutsche Vergangenheit, denn ich habe auch viele jüdische Familien und besonders gleichaltrige Jugendliche kennengelernt und da wurde mir erstmals bewusst, wie rar das Judentum noch immer in Deutschland vertreten ist. Eine traurige Sache, aber so weiß man wofür man steht. Ich habe mich mit einigen Freunden auf Gespräche über das dritte Reich eingelassen. Viele wissen kaum etwas oder glauben z.B. nicht wirklich, dass es den Holocaust tatsächlich gab. Ich habe nie das Gefühl, dass sie mich als Deutsche damit verknüpfen oder beurteilen, sie sind einfach nur interessiert. Viel Geschichtsunterricht gibt es hier in der regulären Schule nicht, auch wenig Sprachen oder Geographie. Was ich an solchen Beispielen auch erkenne ist, dass nicht nur ich von den Menschen in meiner Umgebung lerne, sondern auch umgekehrt.
Ich habe Einblick in das Leben der verschiedensten Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten. Das ist das besondere an diesem Jahr: man sieht die Kultur nicht oberflächlich und einfach, wie ein Tourist. Das ist eine einmalige Chance und ich bin sehr dankbar dafür.
Ebenfalls normal für die Nashvillians sind die kleinen Kneipen und Bars in der Innenstadt, berühmt für ihre Lifeband-Auftritte. Am bekanntesten ist das Bluebird-Café, denn dort haben viele große Musiklegenden noch unbekannt begonnen. Man lernt hier unheimlich viele Musiker kennen, deshalb war ich natürlich auch schon auf einem dieser kleinen Konzerte von einer Freundin -in diesem Falle- meiner Gastfamilie. Es war das typische ” Pubfeeling ” vollgestopft, laut, aber nicht rauchig, denn das Rauchen ist auch hier in Restaurants und Bars verboten.
Thanksgiving war schön, ich wurde wieder mit nach Memphis genommen und habe einen weiteren Teil der Großfamilie kennengelernt. Der Truthahn war lecker und auch sonst drehte sich alles nur ums Essen kombiniert mit Gemütlichkeit und angenehmen Konversationen. Ich war die Wochen davor krank und habe mich umso mehr gefreut, wieder alle Geschmäcker richtig genießen zu können! Mein Gastvater (Doktor) hat mich ganz wundervoll umsorgt, sodass ich wieder vollkommen belastungsfähig war.
Als eine weitere Tradition muss kurz das Musical “The Sound of Music” genannt werden, dass hier jeder auswendig zu kennen scheint. Es basiert auf einem Film, der in Österreich spielt, als die Nazis es übernahmen. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf einer absolut schmalzigen Liebesgeschichte. Auch in diesen Genuss kam ich.
Letztes Wochenende besuchte ich eine Hip-Hop-Show an der Vanderbilt -Universität und am nächsten Abend sah ich die “Rockettes”, eine Tanzgruppe die jedes Jahr zur Weihnachtszeit in den Staaten herumreist. Es war beeindruckend, mit vielen, aufwendigen Effekten und es stimmte Einen sehr weihnachtlich. Dies fand in “Opry Mills” statt, ein riesiger Komplex, zusammengesetzt aus der wahrscheinlich größten Shoppingmeile Tennessees, verschiedenen Theatern und Kinos, sowie einem großen, edlen Hotel, in dem Stars wie Hedi Klum zu Gast waren. Meine Freundin und ich schauten uns also noch das Hotel an. Wir liefen über eine Stunde herum. Es ist so groß, dass es Mappen gibt um sich nicht zu verlaufen. Es gab einen überdachten, beheizten Park mit hohen Palmen, Wasserfällen, Pavillons und einem Fluss, der durch das Hotel führt und auf welchem man Bootstouren machen kann. Es gab riesige Weihnachtsbäume und Wendeltreppen, Ballsäle, Kongressräume angeordnet wie kleine Häuser in einem Dorf und alles war geschmückt mir Lichterketten, die von der Decke hingen. Ein erstaunlicher Eindruck. Ich bin wegen solcher Dinge schon seit einer Weile in großer Weihnachtsstimmung. Der Baum steht auch schon seit kurz nach Thanksgiving und es sammeln sich bereits einige Geschenke darunter an. Vor dem Haus, im Vorgarten steht Santa Claus und eine Rentierherde mit Licht überflutet und das gesamte Dach unseres Hauses ist mit Lichternetzen versehen, die von der Rinne und dem Erker zu tropfen scheinen. Da es alles weißes Licht ist, sieht es sogar sehr schön aus, wenn es mir auch ungewöhnlich aufwendig und groß erscheint. Verschiedene Weihnachtsfeiern sind im Gange, unter Anderem auch mit dem “German Stammtisch”, der sich jeden Monat zusammenfindet und aus einigen Deutschen und vielen Deutschbegeisterten zusammensetzt.
Diese Woche war ich mit meiner Gastmutter Burkley zu einer Vorlesung von einem langjährigen Leiter der Grünen in Deutschland. Hier ist nämlich ganz neu das “Recyclen” in Mode, aber viele Leute kümmern sich noch immer kein bisschen um Umweltschutz. Das kann man auch an den Autos feststellen, alles was rollt, ist erlaubt, den TÜV gibt es nicht und um den Schadstoffausstoß kümmert sich kaum jemand.
Meine Gastmutter ist eine der Leitfiguren und großen Beispiele für Mülltrennung (sie hat sogar einen Kompost-eine für Amerikaner absolut untypische Anschaffung), was mich von Anfang an sehr erleichtert hat, denn das machte das Einleben einfacher und stimmte mit meinen Ansichten sehr gut überein.
Über die Festtage, werde ich erst nach Memphis fahren und dann nach Florida fliegen um auf einer der Inseln ganz im Süden das neue Jahr zu begrüßen.
Und ich habe nun auch endlich, seit 2 Tagen, meinen Führerschein und werde demnächst die Möglichkeit haben mich unabhängig zu bewegen. Ohne Auto kann man hier ziemlich aufgeschmissen sein. Trotz allem ist dieses Land und seine Bewohner sehr liebenswert und ich möchte derzeit mit keiner Person auf der Welt tauschen!!!
Ein besinnliches Ende des Jahres und eine wunderschöne Weihnachtszeit wünscht
Lea
Mediathek
Schlagworte:
Burkley Allen, Doug Berry, Jim Cooper, Karl Dean, Lea Grupe, Preston Taylor Ministries
Veröffentlicht:
16. Dezember 2008
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