Sister Cities News
3. Bericht von Jonas Tonn
Schon wieder liegen vier Wochen hinter mir und es wird mal wieder Zeit ein paar Worte über den großen Teich zu schicken. Es ist wieder viel passiert und dieses Mal musste ich mir sogar einen kleinen Notizzettel mit all meinen Erlebnissen schreiben, um auch nichts im Bericht zu vergessen.
Die Präsidentschaftswahl ist im heißen Gange und die Tage bis zum “Election -Day” am 4. November werden immer weniger. So sind nicht nur alle Zeitungen und Fernsehsendungen gefüllt mit den aktuellen Nachrichten über John McCain und Barack Obama, auch auf der Straße sieht man Leute mit Obama T- Shirts oder Autos mit McCain Stickern. Ich war von Anfang an erstaunt wie euphorisch und interessiert fast jeder Amerikaner die Präsidentschaftswahl verfolgt und dass auch fast jeder eine fundierte, politische Meinung darlegen kann. Von politischem Desinteresse, wie leider viel zu oft in Deutschland, keine Spur. Bei dem Begeisterungstaumel um die beiden Präsidentschaftskandidaten, war die Aufregung dann natürlich groß als John McCain und Barack Obama am 7. Oktober ihren Weg nach Nashville fanden um eine der wenigen TV-Debatten an der Belmont University vorzutragen. Ganz Nashville war in Feierstimmung, auch wenn es schier unmöglich war ein Ticket zu kriegen, die Belmont University war prachtvoll geschmückt und die Debatte lief reibungslos ab.
Barack Obama machte wie in fast allen drei Debatten die bessere Figur und liegt auch nach aktuellen Umfragen vorn. Meiner Meinung nach wird es aber eher ein knappes Rennen, welches im Endeffekt wohl nicht durch politisches Können, sondern durch die bessere Repräsentation in der Öffentlichkeit entschieden wird.
Vor zwei Wochen gab es überraschenderweise prominenten Besuch im Martha O’ Bryan Center von 3 Spielern und einigen Cheerleader der “Tennessee Titans”, der lokalen und derzeit unbesiegten Footballmannschaft aus Nashville. Die Cheerleader und Spieler um den Superstar David Thornton sammelten sich dann in der Sporthalle, um mit den Kindern zu spielen und zu tanzen. Es war schon sehr beeindruckend wie selbstverständlich die Footballstars mit den Kindern gespielt haben und sich immer sehr geduldig zeigten, was Autogramme und Fotos anging. So kam ich auch in einen “Small -Talk” mit David Thornton, der sich sogar noch an Max, dem Dienstleistenden vom letzten Jahr, erinnern konnte. Mister Thornton nahm sich sogar die Zeit für ein Interview mit den Schülern der Middle -School Class und beeindruckte durch seine Fähigkeit mit den Kindern umzugehen und sie zu motivieren. Vor allem für die Kinder war es wohl ein unvergesslicher Tag.

Am darauffolgenden Wochenende war es dann Zeit für das Oktoberfest in Nashville’ s historischen Germantown. Burkley, Lea, Tim und ich machten uns früh am Morgen auf den Weg um die Läufer des “Paulaner 5k Bier Run” anzufeuern. Wie sich schon vermuten lässt wurde nicht nur jedem, der die Ziellinie überquerte ein Bier überreicht, man sah auch die verrücktesten Kostüme und wohl mehr Lederhosen und Dirndl als auf manchem deutschen Volksfest. Wenig später machten wir uns dann auf, um unser Sister Cities Zelt zu dekorieren. Doug Berry meinte es war wohl das best geschmückteste und “deutscheste” Zelt, das Sister Cities je auf einem Oktoberfest präsentierte und so kamen auch schnell die ersten Besucher. Bei Sonnenschein um 25 Grad kam man schnell ins Gespräch und traf nicht nur viele ehemalige US-Soldaten, die in Deutschland stationiert waren, sondern sogar einige Menschen, die mit Magdeburg vertraut waren. Ein Mann sagte mir, dass sein Großvater während des zweiten Weltkrieges in Magdeburg stationiert war und er sogar einige Originalfotos vom zerstörten Magdeburg 1945 besitzt. Unvorbereitet war dann die Umarmung einer 80-jährigen Frau, die nach dem zweiten Weltkrieg aus Magdeburg nach Amerika flüchtete. Wie ich später herausfand traf sie im letzten Jahr schon auf Max und erzählte ihm auch schon von ihren Jugenderinnerungen. Glücklicherweise bin ich immer noch in Telefonkontakt mit ihr und Anfang November plant sie mit mir eine Fragerunde in ihrer Kirche, in der sie über ihre Kriegserinnerungen erzählen wird und ich über das moderne Deutschland erzählen werde. Ich freu mich jedenfalls schon sehr auf dieses Treffen, gerade wenn man bedenkt, dass es in einigen Jahren wohl nicht mehr viele Zeitzeugen des 2.Welkrieges geben wird. Doch sie ist nicht die einzige Person aus meiner Heimatstadt, die ich schon in Nashville kennengelernt habe. Vor einigen Wochen nahm ich E-Mail Kontakt mit Andre Diedrich, Medical Professor an der Vanderbilt Universität in Nashville und geborener Magdeburger, auf. Erfreulicherweise lud er mich dann bei sich zum Barbecue ein und stellte mir nicht nur seine Familie, sondern auch seine Arbeitskollegen vor. Was für mich sehr interessant war, da ich schon seit Jahren ein Medizinstudium anstrebe. Als ich das dann erwähnte, bot mir Andre an ein Praktikum an der Vanderbilt Universität im Forschungsbereich der Medizinischen Fakultät zu absolvieren. Meine Arbeit im Martha O’ Bryan Center beginnt 13.30 Uhr also könnte ich dort morgens einige Stunden arbeiten. Ich freue mich natürlich riesig über diese einmalige Chance, das “Medical Center” von Vanderbilt ist schließlich eines der besten in den ganzen USA. Ich befinde mich zwar gerade im Papierkrieg mit den Vanderbilt Verantwortlichen, aber ich bin zuverlässig, dass ich in ein paar Wochen mein Praktikum beginnen kann. Ich möchte an dieser Stelle Andre herzlich danken, der mir von Anfang an ganz selbstverständlich seine Hilfe angeboten hat und mir diese einmalige Chance ermöglicht.
Die Arbeit im Martha O’ Bryan Center läuft immer noch bestens und gerade die Arbeit mit den Kindern ist jeden Tag ein Abendteuer und macht sehr viel Spaß, auch wenn es teilweise ziemlich anstrengend werden kann. Diese Woche dann eine kleine Schrecksekunde im Martha O’ Bryan Center, als vor dem Center Schüsse fielen und alle Kinder und Lehrer in die Sporthalle flüchteten. Wir blieben dann noch einige Minuten dort, ehe uns Entwarnung gegeben wurde. Erschrocken war ich als mir die Kinder sagten, dass solche Schusswechsel in den Projects zum Alltag gehören. Das zeigte mir nicht nur mal wieder, wie hoch das Gewaltpotenzial in dieser Gegend ist, aber auch wie hart der Alltag für die Kids oft sein muss und wie wichtig doch meine Arbeit im Martha O’ Bryan Center ist.
In diesem Sinne hoffe ich auf weitere Herausforderungen und tolle Erlebnisse in “Big America”. Im nächsten Bericht dann mehr zu der Präsidentschaftswahl und Halloween, was kurz vor der Tür steht.
Take it easy, Jonas.
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Veröffentlicht:
27. Oktober 2008
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