Sister Cities News
3. Bericht von Christoph Pross
Mit Erstaunen muss ich feststellen, dass es auch im Süden USA kalt werden kann. In den letzten Nächten fielen die Temperaturen in Nashville unter den Gefrierpunkt. Das kenne ich zwar aus Deutschland, doch hat es mich hier erst einmal kalt erwischt. Doch Thanksgiving steht vor der Tür. Die Gedanken daran lassen die Herzen höher schlagen und einem wird gleich etwas wärmer. Die Vorfreude auf gutes Essen und ein Wiedersehen mit der ganzen Familie ist bei allen zu spüren.
Nur ich frage mich: Was habe ich zu erwarten?
Ich werde mit meiner Familie nach Memphis fahren, um dort Verwandte zu besuchen, Fußball ( Ja, Fußball!!) zu spielen und ganz viel zu essen.
Im Martha O´Bryan Center ist auch Winter eingekehrt. Die Türen werden jetzt geschlossen, es ist im Gebäude wärmer als außerhalb und die Kinder tragen sehr dicke Daunenjacken.
Das Zentrum liegt in einer der sozialschwächsten Gegenden Nashvilles mitgleichzeitig sehr hoher Kriminalitätsrate. Diese Tatsache wurde uns allen vor kurzem wieder ins Gedächtnis gerufen, als mehrere Schüsse zu hören waren. Die Kinder haben mir bestätigt, dass es Schüsse waren, da ich vorher noch nie welche gehört hatte. Als Sicherheitsmaßnahme haben wir alle Türen verriegelt und keine Person durfte das Zentrum betreten oder verlassen. An diesem Beispiel kann man sehen wie wichtig das Martha O´Bryan Center für diesen Stadtteil ist. Es bietet einen sicheren Hafen , Hilfe in jeder Notlage und einen Weg aus der sozialen Armut und der Gewalt, sowie Bildung und ideelle Unterstützung.
Doch die tiefgreifendste Erfahrung seit meinem letzten Brief war meine viertägige Missionsreise an die Golfküste, die am 29. und 30. August von Hurrikan Katrina verwüstet wurde. Mindestens 1.322 Menschen sind durch den Hurrikan umgekommen und Schaden im Wert von 70 bis 130 Milliarden US Dollar ist entstanden. Katrina ist die größte humanitäre Katastrophe in Amerika seit der Großen Depression. Die amerikanische Regierung schickte viele Hilfsgüter und umfangreiche Unterstützung in die betroffenen Gebiete. Doch ähnlich wie zu Hause in Magdeburg vor 3 Jahren, als die Einwohner einander bei den Vorkehrungen für das erwartete Jahrhunderthochwasser halfen, erlebe ich auch hier in den USA, wie sehr Menschen in Zeiten der Not zusammen rücken.
Ich war Teil einer Studentengruppe der Vanderbilt – Universität, welche eine der besten privaten Universitäten der USA ist. Wir fuhren am Freitag, den 21. Oktober um 9.00 Uhr abends los, kamen zum Sonnenaufgang in Mississippi an und waren von der immer noch starken Verwüstung und dem Leid der Menschen sehr betroffen. Nachdem wir unser Gepäck und die Wasser- und Nahrungsvorräte im Camp“ Neue Hoffnung“, wo wir für die verbleibenden drei Tage untergebracht waren, verstaut hatten, nahmen wir sofort unsere Arbeit auf.
Unsere Hauptaufgabe war es Schutt, Trockenwände und Isolierung aus Häusern und Gärten zu entfernen, Nahrungsmittel und Wasser zu verteilen und den Menschen einfach zu zuhören.
Natürlich hatten wir am ersten Tag sehr mit der Müdigkeit zu kämpfen, doch wir erlaubten uns nur kurze Pausen, weil wir in der begrenzten Zeit in der wir dort waren, so viel wie möglich helfen wollten.
An einem Abend brachte ich warme Mahlzeiten zu den Bewohnern, die aus verschiedenen Gründen nicht imstande waren ihre Häuser, oder was davon über geblieben war, zu verlassen. Ein älteres Ehepaar, welches in einem Zelt auf dem Fundament ihres Hauses lebte, erzählte mir ihre Geschichte. Sie hatten sich auf das Dach ihres Hauses geflüchtet als das Wasser kam und wurden dann von einem Boot der National Garde gerettet. Als sie zwei Wochen später zurückkehren durften, war alles was sie je besessen haben verschwunden. Sie wollten mich nicht mehr gehen lassen, eine Stunde lang habe ich damit verbracht ihnen zu zuhören und sie aufzumuntern, was nicht leicht war. Doch mir war es jede Minute wert.
Einen Monat nach der Reise, bin ich davon überzeugt, dass die Entscheidung, mich der Studentengruppe anzuschließen und den Opfern des Hurrikan Katrina zu helfen, eine der besten war, die ich bisher getroffen habe. Die Menschen waren überrascht, dass ich den weiten Weg aus Deutschland gekommen war und jetzt ihnen helfen wollte. Einige waren so dankbar, das sie begannen, sich um uns zu kümmern, wo wir doch gekommen waren um ihnen zu helfen. Beeindruckend war auch die Hilfsbereitschaft aus anderen Teilen der USA. Ich habe mit einem Finanzberater zusammen gearbeitet, der jedes zweite Wochenende und seinen ganzen Jahresurlaub geopfert hat, um die Menschen in Mississippi und Louisiana zu unterstützen.
Während der Tage an der Golfküste und in deren Auswertung habe ich für mich persönlich feststellen können, dass es so einfach ist, seinem Nächsten zu helfen und einen Unterschied im Leben anderer Menschen zu machen. Diesen Eindruck bekomme ich auch täglich in meiner Arbeit im Martha O´Bryan Center. Die vier Tage in Mississippi sind zu einem sehr wichtigen Bestandteil meines Amerikaaufenthaltes geworden.
Die USA sind ein sehr interessantes Land und ich fühle mich richtig wohl, sowohl in meiner Gastfamilie als auch in Nashville. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass der Zivildienst so spannend und erfahrungsreich sein kann und dass es so erfüllend sein kann sich für andere Menschen einzusetzen. Und ich habe noch mehr als die Hälfte meines Anderen Dienstes in Nashville vor mir ….
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Veröffentlicht:
16. Dezember 2005
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